Handspiel – Die ungeregelste Regel des Fußballs

Handspiel – Die ungeregelste Regel des Fußballs

„Wer weiß schon, was Handspiel ist und was nicht?“, sagte Werder Bremens Maximilian Eggestein leicht resigniert nach dem Auswärtsspiel in Leverkusen. Beim 9. Bundesliga-Spieltag war dies nicht die einzige Partie, bei denen die Handspiel-Diskussion groß war. Es standen gleich mehrere Handspiel-Situationen im Fokus. Was bedeutet nun unkontrolliert, Vergrößerung der Körperfläche oder Absicht? Wir klären anhand einiger Beispiele vom vergangenen Wochenende auf.

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Schon am Freitagabend hatte Schiedsrichter Frank Willenborg eine knifflige Handspielentscheidung. Bei einer Flanke des Kölners Schindler stand der Mainzer Verteidiger Niakhaté mit der Hand im Weg. Willenborg ließ zunächst das Spiel weiterlaufen, wurde aber in der nächsten Spielunterbrechung vom Video-Assistenten in den Videobereich gerufen. Nach Ansicht der Wiederholung lag hier für den niedersächsischen Schiedsrichter kein strafbares Handspiel vor. Die Sportliche Leitung der Elite-Schiedsrichter des DFB gibt hierzu ein klares Statement ab:

„In dieser Situation handelt es sich um ein strafbares Handspiel. Der Mainzer Abwehrspieler ist zum Ball orientiert und will den Ball abwehren. Der linke Arm ist beim Schuss vom Körper abgespreizt und vergrößert die Körperfläche. Er geht deutlich in die Flugbahn des Balles und bleibt dort auch in der abgespreizten Haltung.“

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Selbst in der 2. Bundesliga gab es keine Ruhe hinsichtlich des Handspiels. Im Wildparkstadion entschied Schiedsrichter Guido Winkmann in der 8. Minute auf Strafstoß für den Karlsruher SC bei der Partie gegen Hannover 96 – zum Entsetzen der „Roten“ und des Verteidigers Manuel Franke. Die Szene ist mit der Handspiel-Situation aus Mainz vergleichbar, aber nicht so eindeutig, da die Frankes Hand näher am Körper ist als die Hand von Niakhaté. Die Entscheidung Strafstoß ist – analog zu den Aussagen des DFB – vertretbar. Da keine klare Fehlentscheidung vorliegt, ist das Einschreiten des Video-Assistenten nicht erwünscht.

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Auch die Bayern wurden vom Handspiel-Spieltag nicht verschont. Nach einer Flanke der „Eisernen“ hielt Bayerns Ivan Perišić den Ball mit seiner rechten Hand auf. Hierzu bezieht der DFB klar Stellung:

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„Auch hierbei handelt es sich um ein strafbares Handspiel, da der Spieler Perišić mit einer klaren Orientierung zum Ball in die Situation geht und dabei eine aktive Bewegung mit der Hand zum Ball macht. Er dreht die Hand ja sogar noch zum Ball.“

DFB | Sportliche Leitung ordnet Handspiel-Szenen ein | 27.10.2019

Selbst beim 179. Revierderby zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund bekam Dortmunds Thorgan Hazard nach einer Flanke den Ball gegen seine Hand.

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Der DFB äußert sich folgendermaßen dazu:

„Im Gegensatz zu den geschilderten Szenen in Mainz und München ist der Dortmunder Spieler Hazard nicht zur Abwehr auf den Ball orientiert. Als der Ball auf ihn zukommt versucht er, den Arm aus dem „Gefahrenbereich“ herauszunehmen. Es handelt sich somit eindeutig um keine bewusste Aktion mit den Händen zum Ball.“

DFB | Sportliche Leitung ordnet Handspiel-Szenen ein | 27.10.2019

Bei der Partie Bayer 04 Leverkusen gegen den SV Werder Bremen kam es sogar zu zwei interessanten Szenen, bei denen beide Male der Leverkusener Nadiem Amiri im Fokus stand. In der 71. Minute erzielte der Leverkusener Lucas Alario den vermeintlichen 3:2-Führungstreffer gegen die Hansestädter. Der Treffer wurde jedoch vom Schiedsrichter Martin Petersen nachträglich aberkannt, da zuvor Amiri den Ball mit der Hand berührt hat, dann der Ball von einem Mitspieler in die Mitte geflankt wurde, woraus das Tor von Alario resultierte. Grund hierfür ist eine Regeländerung vom Sommer 2019. In Regel 12 wird die Situation klar geschildert:

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„Ein Vergehen liegt vor, wenn ein Spieler in Ballbesitz gelangt, nachdem ihm der Ball an die Hand/den Arm springt, und danach ins gegnerische Tor trifft, zu einer Torchance kommt oder direkt mit der Hand/dem Arm (ob absichtlich oder nicht) ins gegnerische Tor trifft (gilt auch für den Torhüter)“.

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Hierbei gilt ausnahmsweise tatsächlich die Floskel „Hand ist Hand“. Vorher wurde der Ball klar mit der Hand berührt und daraufhin ein Tor erzielt. Dementsprechend wurde das Tor zurecht aberkannt.

In der Nachspielzeit der Partie war es erneut Amiri, der den Ball zum zweiten Mal mit der Hand berührte. Bei einer Flanke stützte er sich im eigenen Strafraum ab, sodass der Ball gegen seine Hand sprang. Werders Sportvorstand Frank Baumann sagte hierzu nur, dass Amiri „halb abgestützt und halb eine tolle Torwart-Parade“ hinlegte. Das Regelwerk äußert sich wie folgt:

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„In folgender Situation liegt kein Handspiel vor: Ein Spieler berührt den Ball im Fallen mit der Hand/dem Arm, wobei sich seine Hand/sein Arm dabei zum Abfangen des Sturzes zwischen Körper und Boden befindet und nicht seitlich oder senkrecht vom Körper weggestreckt wird“.

DFB | Fussball-Regeln 2019/2020

Schiedsrichter Martin Petersen entschied also beide Male regeltechnisch korrekt. Hierbei handelt es sich nicht um Grauzonen, sondern um regeltechnisch klare Entscheidungen.

Die regeltechnisch interessanteste Situation ereignete sich am Sonntag zwischen dem VfL Wolfsburg und dem schwäbischen Gast vom FC Augsburg. Bei einer Flanke stand der Wolfsburger João Victor deutlich im Abseits. Es fand in der Mitte ein Zweikampf zwischen dem Wolfsburger Wout Weghorst und dem Verteidiger Tin Jedvaj statt. Bei dem Zweikampf bekommt Jedvaj den Ball gegen seine Hand. Von dieser Hand aus wird der Ball zum zuvor im Abseits stehenden Victor weitergeleitet, der daraufhin das vermeintliche 1:0 erzielt. Schiedsrichter Tobias Stieler gibt zunächst den Treffer, wird aber vom Video-Assistenten gerufen, um sich die Situation nochmals anzuschauen. Nach Analyse der Bilder revidiert er seine Entscheidung, erkennt das Tor ab und entscheidet auf Abseits.

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Eine knifflige Entscheidung, die aber richtig entschieden wurde. Der Zweikampf von Jedvaj gegen Weghorst war fußballtypisch und nicht strafstoßwürdig. Daraufhin kommt der Ball unabsichtlich gegen seine Hand, sodass weiterhin dieselbe Spielsituation vorliegt. Von der Hand kommt der Ball nun zu Victor, der zuvor in einer Abseitsstellung stand und durch seine Ballannahme ein Abseitsvergehen auslöst.

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Aleksandar Lukic administrator

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